Ich habe gerade das kürzlich erschienene Buch „Eine Welt erscheint“ von Michael Pollan zu Ende gelesen. Darin sucht Pollan nach Antworten auf die Frage, was Bewusstsein ist. Einige in der wissenschaftlichen Gemeinschaft glauben, dass Bewusstsein einfach das Ergebnis von Gehirnaktivität ist. Sie sind zuversichtlich, dass sie irgendwann in der Zukunft die Beweise und Erklärungen für diese Theorie finden werden.
Andere sind zögerlicher oder sogar sicher, dass Bewusstsein nicht als Ergebnis von Gehirnaktivität gefunden werden kann. Diese Ansicht führt zu dem, was als das „schwierige Problem“ des Bewusstseins bekannt ist, nämlich zu erklären, warum und wie Menschen (und andere Organismen) Qualia oder phänomenales Bewusstsein haben. In der materialistischen Weltanschauung haben diese Qualia keinen Platz.
Ich finde, dass Michael Pollan seine Kapitel klug gewählt hat. Er sucht nach dem Bewusstsein in der Pflanzenwelt und nennt dieses Kapitel „Empfindungsfähigkeit“. Dann sucht er das Bewusstsein im Tierreich und nennt dieses Kapitel „Fühlen“. Im nächsten Kapitel sucht er das Bewusstsein beim Menschen und nennt es „Denken“. Schließlich sucht er nach dem Bewusstsein im „Ich“ und nennt es „Selbst“.
Durch all die Gespräche und Zitate, die er erwähnt, zeichnet er ein wertvolles Bild des Menschen. Bewusstsein ist im Körper, in den Gefühlen, im Denken, und im Selbst präsent, selbstverständlich in verschiedener Ausprägung.
Michael Pollan findet nicht die ultimative Antwort auf die Frage, was Bewusstsein ist. Meiner Meinung nach ist er sehr ehrlich und hält sich an die Wissenschaftler und Philosophen, mit denen er spricht, und an seine eigene Erfahrung.
Einer der Neuro-Wissenschaftler, auf den er sich im Buch bezieht, ist Christof Koch. Interessanterweise änderte Koch seine Meinung nach einer psychedelischen Erfahrung. Zuvor war er sicher, dass das Bewusstsein im Gehirn zu finden ist. Nach dieser Erfahrung, die er als „Mind at Large“ bezeichnet, räumt er jedoch ein, dass das Bewusstsein auch unabhängig vom Gehirn existieren könnte.
Es gibt eine Passage von Michael Pollan über das „Ich“, die ich besonders faszinierend finde. Auf Seite 179 des Kapitels über das Selbst schreibt Pollan: „Aber wenn ich nach diesem ‚Ich‘ suche, finde ich auch nur eine Ansammlung von frei schwebenden Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen, von denen keines an etwas gebunden ist, das ich ‚Ich‘ nennen würde.“
Er fährt dann fort: „Mir wird klar, dass ich in dem vorstehenden Satz fünf Mal das Wort “Ich” benutze.” (die beiden Sätze finden sich in dem englisch-sprachigen Buch).
Meine Interpretation dieses Satzes ist, dass er das Ich zwar nicht findet, aber doch ausführlich damit argumentiert. Also muss es doch irgendwo da sein. Meiner Erfahrung nach ist es das „Ich“, das in der Lage ist, seine eigene Aktivität innerhalb des Bewusstseins zu beobachten. Die Gedanken, die wir denken, können mit Bewusstsein erfahren werden, während wir sie denken. Wer tut das? Es ist mein „Ich“, das es tut.
Michael Pollan beendet sein Buch mit einem Bild eines wunderbar klaren Nach-Himmels, voll von Sternen, und dem Mond. Auf einmal hat er eine ähnliche Erfahrung, wie sie Christoph Koch erlebte, nämlich die Erfahrung des Mind at Large, des erweiterten Bewusstseins. Er endet sein Buch mit dem Satz: „Zum ersten Mal konnte ich sehen – nein, fühlen –, dass die Sterne und ich denselben unendlichen Raum teilten.“

