Das Thema Präsenz und Gegenwärtigkeit berührt uns alle – besonders in Momenten, in denen wir emotional getriggert werden oder unter Druck stehen.

Warum Präsenz so schwer – und so wichtig ist

Wir alle kennen diese Situationen: Ein Wort des Partners, eine Bemerkung im Meeting, eine unerwartete Nachricht – und schon reagieren wir automatisch. 

Ich selbst neige dazu, mich zurückzuziehen. Dann arbeiten die Sachen in mir. Andere reagieren mit Aggression. Beides sind Muster – und keines davon ist gut.

Die Kunst besteht darin, wach zu bleiben, wenn der Trigger kommt. Nicht sofort zu reagieren, sondern innezuhalten, den Schmerz oder die Wut wahrzunehmen – körperlich, emotional – und bewusst zu entscheiden, wie wir antworten.

Ein einfacher erster Schritt kann sein: Reagieren Sie nicht sofort. Beobachten Sie erst einmal, wie sich das anfühlt, körperlich, gefühlsmässig. Vielleicht gelingt es dann, nach einigen Minuten oder auch Stunden, ruhig zu sagen: „Das hat mich verletzt. Ich nehme es dir nicht übel, aber es tut mir nicht gut. Können wir daran arbeiten?“

Vier Ebenen des Bewusstseins

In meinem letzten Podcast sprach ich über vier Bewusstseinsstufen, die uns helfen können, aus automatischen Mustern auszusteigen:

  • Gefühlsebene: Reiz und Reaktion liegen eng beieinander. Wir reagieren spontan und emotional.
  • Verstandesebene: Wir schaffen Raum zwischen Reiz und Reaktion, analysieren, verstehen und ordnen.
  • Präsenz- und Handlungsebene: Wir vertrauen auf unsere Erfahrung und Intuition, handeln aus einer inneren Ruhe heraus.
  • Transpersonale Ebene: Unser Handeln geht über das eigene Ego hinaus und berücksichtigt das Wohl des Ganzen.

Ein Beispiel aus meinem Leben: Eine vierseitige Analyse eines Beratungsunternehmens zur Sozialversicherung zwischen Deutschland und der Schweiz löste bei mir zunächst Wut aus – es ging um mein Geld, meine Existenz.

Doch nach einigen Tagen der Reflexion erkannte ich: Hinter diesen Regelungen steckt auch ein gemeinsames Ziel – der Schutz von Menschen in Rente oder Pension. Plötzlich sah ich nicht mehr nur den Angriff auf mich, sondern einen sinnvollen gesellschaftlichen Zusammenhang.

Dieser Schritt – vom persönlichen Ärger hin zu einem größeren Verständnis – ist hilfreich – und wohl auch notwendig – für die Bewegung in Richtung Präsenz und freier, Ich-geführter Reaktion.

Wie man unter Druck präsent bleibt

Im Alltag haben wir oft nicht Tage, sondern nur Sekunden, um zu reagieren. Stress, Zeitdruck, schnelle Abfolgen von Ereignissen – das sind die echten Prüfungen. Doch auch hier hilft Übung. Meine Erfahrung als Führungskraft und Trainer lehrt: Wenn eine Person im Raum ruhig bleibt, kann sie die ganze Atmosphäre verändern. Die anderen spüren diese Ruhe – besonders, wenn es die Führungsperson ist – und können sich daran orientieren.

Zwei persönliche Praktiken, die mir helfen:

  1. Der Moment vor einem wichtigen Moment: Bevor ich z.B. einen Workshop beginne, stehe ich im Aufzug, atme tief durch und sage mir: „Ich bin präsent. Das Richtige wird kommen.“ Oft erscheint dann, Sekunden vor dem Betreten des Raums, ein klares Bild – das Thema des Tages. Dazu muss ich angstfrei sein und darauf vertrauen, dass mir schon das Richtige einfallen wird. Es ist natürlich ein Risiko, dass einem nichts einfällt. Dann muss zurückgreifen auf das, was man vorbereitet hat.
  2. Die morgendliche Visualisierung: Vor wichtigen Meetings wache ich oft früh auf – um 5 Uhr. Liegend, halbwach, lasse ich die Szene vor meinem inneren Auge ablaufen: Wie verhalte ich mich? Wie reagieren die anderen? Welche Konflikte könnten entstehen? Diese ruhige, stressfreie Vorbereitung nach einer guten Nacht ist weitaus wirksamer als abendliches Grübeln.

Der Weg ist das Ziel

Präsenz ist kein Zustand, den man einmal erreicht – es ist ein fortwährender Prozess. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern bewusster zu werden. Jeder Moment, in dem wir innehalten statt automatisch zu reagieren, ist ein Schritt vorwärts.

Und manchmal reicht es schon, einfach zu schweigen – und später, aus der Ruhe heraus, das Richtige zu sagen.

Ich danke Ihnen fürs Lesen – und freue mich, wenn diese Gedanken dazu anregen, dass Sie Ihren eigenen Weg zu mehr Präsenz und Gegenwärtigkeit finden.

Mit herzlichen Grüßen

Alexander Schwedeler