Heute möchte ich mal wieder über die Essenz von Führung reflektieren. Ich habe das zwar schon einmal gemacht, aber ich habe bewusst nicht nachgelesen, was ich damals geschrieben habe, sondern möchte einfach ganz frisch meine aktuellen Gedanken dazu mit Ihnen teilen.

Was die Essenz von Führung ist, kann man natürlich von ganz verschiedenen Seiten betrachten, und sicherlich gibt es viele solcher Essenzen. Insofern ist das, was ich hier schreibe, ein sehr individueller Ansatz – meine eigene momentane Erfahrungs- und Beobachtungswelt aus meinen Coachings, Besprechungen und Sitzungen. Es ist also der Versuch, die Dinge aktuell neu zu erarbeiten und mir bewusster zu werden über das, was sich da im Sozialen abspielt. Und es gilt ja immer mein Grundsatz: Führung beginnt bei mir selber. In diesem Sinne habe ich auch im Newsletter und Podcast der vorigen Woche über die Beobachtung der inneren Welt gesprochen, über die Beobachtung des Denkens, in dem man Gefühl und Wille entdecken kann, wenn man sich in dieser inneren Schau wirklich im Detail damit befasst.

Das Ich versteckt sich gerne, finde ich. Aber es ist natürlich überall drin, weil ich es ja tue. Also das bin ja ich – und nicht “man”. Und Sie tun es für sich, also auch mit Ihrem Ich. Wir müssen es nur als solches entdecken und uns nicht zu sehr beeinflussen lassen durch sogenannte wissenschaftliche Beiträge, die das Bewusstsein suchen. Da steckt ja oft eine sehr materialistische Sichtweise dahinter, nämlich dass man Bewusstsein im Gehirn findet, also im Physischen, oder dass aus der Komplexität des Gehirns sich etwas Nicht-Sichtbares, Nicht-Materielles entwickelt, das man dann Bewusstsein nennt. Das ist die materialistische Sichtweise. Die andere Sichtweise habe ich ja auch im vorigen Podcast anhand des Buches von Michael Pollan “A World Appears” zu erläutern versucht. Diese andere Gruppe von Wissenschaftlern beginnt zu zweifeln, dass man das Bewusstsein im Gehirn findet, und sieht immer mehr ein, dass man auch die nicht-materiellen Phänomene mit einbeziehen muss – Nahtoderfahrungen, Telepathie, Eingebungen, all diese Dinge, die ja vielfach in der Welt dokumentiert sind.

Bei Nahtoderfahrungen gibt es ja auch den neueren Begriff “Nachtoderfahrungen”. Also nicht nur, dass jemand medizinisch tot ist, dann ganz klare, lichtvolle Bewusstseinserlebnisse hat und wiederkommt und davon erzählen kann – ganz genau berichten kann, was im Raum, etwa auf der Intensivstation, passiert ist, wer was gesagt hat. Da ist also eine Wahrnehmungsfähigkeit für die physische Welt vorhanden, und gleichzeitig ist die Person medizinisch tot, dürfte also kein Bewusstsein haben, hat es aber. Das ist vielfach nachgewiesen. Und dann gibt es eben auch die Nachtoderfahrungen, also eine dauerhafte Kommunikation mit Verstorbenen, mit Verwandten, Eltern oder verlorenen Kindern. Diese Phänomene nicht mit einzubeziehen, ist aus meiner Sicht zu reduktionistisch. Man kann das machen, aber dann reduziert man seinen Horizont unnötig. Ich meine, man soll doch alles mit einbeziehen, was da ist, und versuchen, daraus einen Sinn zu machen. So lese ich auch – ich lese gerne und alles, was ich finden kann, höre viele Podcasts, lerne unglaublich viel auf YouTube und nehme mir aus allem das Beste heraus. Das ist meine Methodik.

So viel zur Einleitung. Und nun zur eigentlichen Frage: Was ist für mich die Essenz von Führung? Da komme ich immer wieder zurück auf ein altbekanntes Konzept, das schon Stephen Covey in seinem Buch “Die sieben Wege zur Effektivität” (auf Englisch “The Seven Habits of Highly Effective People”) gebracht hat – ein uraltes Konzept eigentlich: Zwischen Reiz und Reaktion habe ich die Möglichkeit, mir zu überlegen, was ich tue. Wenn ich also im Kontext von Führung gereizt werde – sagen wir, jemand kommt zu mir herein und sagt: “Hiermit reiche ich meine Kündigung ein” – dann ist das die Führungsherausforderung. Und jetzt kommt es darauf an, wie ich reagiere. Ich kann sofort, unüberlegt reagieren, vielleicht enttäuscht sein. Das ist auch nicht immer falsch, wenn man das gleich äußert. Aber dieser Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion ist meines Erachtens das vielleicht wichtigste Element, wenn es um die Essenz von Führung geht.

Warum sage ich das mit dieser gewissen Sicherheit? Weil das unter anderem in dem ausgezeichneten Buch “Real Time Leadership” von David Noble und Carol Kauffman – beide sehr erfahrene Coaches – als zentrales Konzept für die CEOs dieser Welt gebracht wird. Das erste Kapitel heißt “Create Space in Real Time”, also: Schaffe Raum im Hier und Jetzt, im gegenwärtigen Moment. Der Untertitel lautet “to overcome your reflexes when you need to” – also wenn die Situation es erfordert, reagiere nicht reflexartig, sondern überlegt. Und diese bewusste Gestaltung des Raumes zwischen Reiz und Reaktion kann mit Übung in Bruchteilen von Sekunden geschehen. Es muss nicht lange dauern, kann aber auch sehr bewusst länger dauern. Darauf kommt es an: diesen Zwischenraum zu gestalten – also Präsenz und Gegenwärtigkeit, die Fähigkeit zur vollen Wachheit. Ich würde das übrigens als Fähigkeit beschreiben, nicht so sehr als Zustand. Man sagt ja immer: “Ja, du musst halt wach sein.” Aber das ist eine Fähigkeit, und Fähigkeiten kann ich üben.

Der Übertitel der ersten fünf Kapitel im Buch heißt übrigens “Be mindfully alert” – sei wach, aber empathisch, fühlend, nachdenkend, reflektierend. Nimm dein ganzes Menschsein in diesen wachen Moment hinein, bevor du reagierst. Die Autoren beschreiben dann, was man in diesem Moment tun kann – sie nennen Dinge wie: beruhige dich, selbst in hohen Stressmomenten. Werde klar, sodass der Nebel sich klärt. Sei neugierig, interessiere dich für das, um was es geht. Sei “compassionate”, also warm interessiert. Und sei mutig – mutig genug, um zu verlangsamen, etwa zu sagen: “Was da gerade passiert, ist sehr emotional. Lass uns einen Moment stoppen. Ich habe jetzt keine Zeit, weil ich in drei Minuten in der nächsten Besprechung sein muss, aber wir greifen das nochmal auf.” Einfache Dinge, nichts Neues. Aber lehrreich an dieser Stelle ist eben, dass das Teil dieser Wachheit, dieser Präsenz zwischen Reiz und Reaktion ist.

Im Buch werden diese Qualitäten “die 5 Cs” genannt, weil sie alle mit C anfangen – ja, so schreibt man halt Bücher. Aber egal: Es kommt auf die Qualitäten an: Ruhe, Klarheit, Neugierde, Wärme bzw. warmes Interesse, und Mut. Sehen Sie auch die Bedürfnisse des anderen zuerst, nicht so sehr Ihre eigenen. Es geht immer darum, dass es dem anderen gut geht – die Führungskraft sorgt dafür, dass andere arbeiten können, stärkt sie in ihrer Performance und unterstützt sie. Mut bedeutet manchmal auch, zu beschleunigen und zu sagen: “Es ist Krise, wir müssen jetzt sofort handeln, wir sagen alles ab und kommen zusammen, um das Problem zu lösen.” Und das Ganze idealerweise auch noch mit Humor und einer gewissen Leichtigkeit.

Ich möchte noch einen anderen Aspekt geben: Man kann Führung ja auch lernen – es gibt Führungsschulungen, Werkzeuge, Checklisten, Abfragetools, statistische Auswertungen, Qualitätsmessungen und so weiter. Das ist alles richtig und notwendig, aber ich würde es als notwendige Vorstufe sehen für diesen essentiellen Moment von Führung, nämlich den Präsenzmoment, den Gegenwärtigkeitsmoment. In dem Moment kann ich nicht groß überlegen, welches Werkzeug ich jetzt anwende – doch, kann ich natürlich, aber es geht eigentlich viel mehr darum: Was ist jetzt das Richtige? Wie kann ich immer besser darin werden, im richtigen Moment das Richtige zu tun? Manchmal heißt das: ein bestimmtes Werkzeug anwenden oder ein anderes oder eine Kombination – oder gar keins, sondern einfach nur menschliches Interesse und Raum halten. Auch das ist etwas, was man im Raum zwischen Reiz und Reaktion findet: Erst einmal weiß ich nicht, was ich tun soll, aber ich kann sagen: “Ich halte mal den Raum, ich erlaube, dass die Menschen sich jetzt aussprechen.” Das ist Verlangsamen, Raum halten – ähnliche Dinge.

Und denken Sie immer daran: Bei jedem Menschen ist es wieder anders. Mit dem einen muss ich so sprechen, mit dem anderen anders, sonst verstehen sie mich nicht. Diese Verstehensmöglichkeit muss man immer im Bewusstsein haben – wenn zwei Menschen miteinander reden, meint der Sprechende oft, er sei verstanden worden, und der andere nickt, hat aber vielleicht etwas ganz anderes verstanden oder gar nichts. Diese Nicht-Kommunikation wird oft gar nicht bemerkt. Der eine sagt A, der andere versteht B, und sie leben und handeln nebeneinander her. Das kennen wir alle.

Bleibt noch die Frage: Wie kann man das üben? Ich meine, das geht sehr gut, indem man regelmäßig in die Herzkohärenz geht. Diese bekannte Übung habe ich schon vielfach erwähnt. Schritt eins: Ich gehe mit dem Bewusstsein in die Herzgegend. Schritt zwei: Ich atme dort etwas langsamer, so wie es angenehm ist, ein und aus – im horizontalen Bild, also ins Herz einatmen, ins Herz ausatmen. Schritt drei: Ich rufe ein angenehmes Gefühl auf, erinnere mich an einen schönen Moment in der Natur oder mit einem Menschen, an dieses “Ah-Gefühl”, wenn man abends auf der Couch endlich die Beine hochlegt oder in der Badewanne liegt, und lege dieses Gefühl in mein Herz. Damit öffnet sich das Herz weiter – es öffnet sich schon durch die verlangsamte Atmung, aber durch dieses empathische, schöne Gefühl noch mehr. Und dann sende ich das als vierten Schritt zu mir und in die Umgebung aus.

Wenn man das alleine regelmäßig übt und dann schnell aufrufen kann, wenn die Situation es erfordert, ist das schon unglaublich hilfreich. Wenn man das als Team, als Gemeinschaft miteinander übt und vor jeder wichtigen Besprechung gemeinsam macht, dann kann ich Ihnen versichern – und das ist auch durch Studien belegt –, dass die Besprechungen kürzer werden, effizienter, dass jeder besser in der Lage ist, das Wesentliche auszusprechen, ohne lange Worte. Aus der Präsenz heraus, aus dem Raum zwischen Reiz und Reaktion heraus, kann jeder im richtigen Moment das Richtige sagen.

Ich beobachte ja immer wieder, dass Menschen zu lang reden, weil sie sich beim Sprechen erst selbst und ihre Aussage finden. Mit erhöhter Präsenz und einer guten Herzübung vorher gelingt es besser, schneller klarzukriegen, um was es eigentlich geht. Und manchmal beobachtet man auch, wie jemand unbedingt etwas sagen will, die Hand hebt, während ein anderer noch spricht – das bringt nichts, weil diese Person dann schon nicht mehr zuhört, der Sprechende kommt durcheinander, die ganze Runde verliert die Konzentration. Als Führungskraft ist es sehr hilfreich, schnell zu erkennen, wenn jemand sich gerade warm redet, und dann zu unterbrechen: “Was willst du eigentlich sagen? Konzentriere dich einen Moment und sag es in wenigen Sätzen.” Oder: “Denk nochmal nach und sag es 10 Minuten später.” Viele Führungskräfte und Moderatorinnen sind nicht in der Lage, zu unterscheiden: Ist das wesentlich, kommt die Person auf den Punkt? Ist es intellektuelles Gerede? Ist es sehr emotional? Und da ist man wieder in diesem Raum zwischen Reiz und Reaktion: Wie führe ich diesen Raum, und wie bin ich in der Lage, das Wesentliche zu erkennen und entsprechend zu reagieren?

So weit heute meine Gedanken zur Frage, was die Essenz von Führung ist. Es ist nichts wirklich Neues – aber ich glaube, vielfach noch zu üben, anzuwenden, zu lernen und zu verbessern. Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal!