Menschenbild und Kultur der Zusammenarbeit

Beim Treffen von 4LP.eu, welches vier Mal jährlich stattfindet, sprachen wir diesmal u.a. über Aspekte der Kultur der Zusammenarbeit, die wir am Menschen orientieren wollen. Ich versuche mal, die Diskussion zusammenzufassen. Man kann am Menschen vier verschiedene Ebenen erkennen: Ich, Seele, Rhythmus und Prozesse, Körper. 

Die Gliederung nach Ich, Seele, Rhythmus, und Körper beinhaltet folgende Aspekte: Der menschliche Körper ist fest. Er trägt aber viele flüssige Elemente in sich, die ihn erhalten. Bekanntlich besteht der Körper zu einem großen Teil aus diesen flüssigen, oder wässrigen Elementen. Man denke an alles was fliesst, was sich bewegt. Damit hängt auch der Rhythmus zusammen. Zum Beispiel der Rhythmus aus Wachen und Schlafen. Im Schlaf regenerieren wir, erholen wir uns. Wir gehen an Wochentagen zur Arbeit. Wir nehmen regelmäßig Nahrung zu uns. All diese fliessenden und rhythmischen Elemente sind eng mit dem sogenannten festen Körper verbunden. Beides zusammen schafft die Grundlage für Leben. Die meisten dieser Aktivitäten sind wohl eher unbewusst.

Das Seelische dagegen ist ganz anders. Man kann Denken, Fühlen und Wollen dem Seelischen zuordnen. Es sind innere Tätigkeiten, in denen das Ich mehr oder weniger bewusst aktiv ist. Im Denken ist hohes Bewusstsein möglich. Im Fühlen geht es wohl eher auf- und ab. Gefühle kommen und gehen. Man bemüht sich, sie gut wahrzunehmen und bewusst zu lenken. Man kann sich bewusst für „höhere“ Gefühle, wie Dankbarkeit, Frieden, Liebe, entscheiden. Aber das ist nicht immer einfach. Der Wille ist oft unbewusst tätig, kann aber mit Übung immer bewusster in Denken und Fühlen eingesetzt werden. Zum Beispiel wenn ich mich bewusst für „höhere“ Gefühle entscheide, steckt da der Wille mit drin, denn ich muss mir das erst überlegen, und es dann tun. Die Aktivität dahinter ist der Wille.

Die Ich-Ebene kann man sich so klar machen, dass man sich sagt: Ich bin hier, ich sitze oder stehe gerade, ich denke, ich weiss dass ich das gerade tue, ich bin mir bewusst, dass ich existiere. Mit Hilfe des Ich kann man diese Selbstbestimmung durchführen. Je bewusster ich mir selbst bin, desto stärker ist das Ich anwesend.

Man kann in diesem viergliedrigen Menschenbild die vier Elemente erkennen: Irdisches, Körperliches (Erde), Rhythmisches, Flüssiges, Bewegung (Wasser), Seelisches (Luft), Ich-Qualität, Bewusstsein (Wärme).

Bewusstseinsgrade

Bezogen auf das bewusste Sein, ist man im Körperlichen und Rhythmischen vielfach unbewusst. Zum Beispiel beim Autofahren: Vieles, was notwendig ist, um das Auto sicher zu steuern, geschieht eingeübt, vielfach durchgeführt, automatisch. Das muss so sein. So ist es mit vielen Tätigkeiten. Man kann sie, hat Erfahrung damit, macht sie immer besser, indem man übt und es immer wieder tut.

Im seelischen Bereich ist man im Denken schon eher bewusst. Das erfordert aber eine hohe Wachheit. Meist denkt man doch, ohne sich dessen so bewusst zu sein. Wenn ich ein Buch lese, oder koche, nutze ich mein Denken. Aber ich mache mir das nicht jedesmal wieder klar. An jedem Gedanken, an jeder Wahrnehmung der Sinne, entstehen Gefühle. Ich kann sie bewusst wahrnehmen und lenken – wenn ich das will. Im Alltag jedoch lebt man eher unbewusst mit seinen eigenen Gefühlen. Man reagiert in Beziehungen. Erst bei Spannungen und Konflikten werden mir meine eigenen Gefühle bewusst – oft erst dann, wenn ich mich über andere ärgere.

Ich und Wille sind sich sehr nahe. Damit ich mir über etwas bewusst werde, braucht es eine innere Willens-Aktivität. Es braucht eine Art Distanz, ein Absetzen, von der inneren Sache, die ich anschauen will, der ich mir bewusst werden will. Will ich über meine Gedanken reflektieren, muss ich sie quasi vor mich hinstellen. Ich kann ein Notizbuch zur Hilfe nehmen, wo ich meine Gedanken notiert habe. Ebenso schaue ich meine Gefühle an. Es braucht dazu eine Distanz. Wie einen Spiegel, den ich mir selber erzeuge.

Menschenbild und Unternehmenskultur

Kommen wir nun zu den Elementen der Unternehmenskultur, dann kann man sie anhand dieser Viergliederung wie folgt ordnen und so am Menschen orientieren:

Die Physische Ebene – der Körper der Unternehmenskultur

Diese Ebene umfasst alles Materielle, Sichtbare, Greifbare. Sie bildet das feste Fundament. Dazu gehört das räumliche Arbeitsumfeld, die Ergonomie am Arbeitsplatz, die technische Ausstattung, faire Gehälter, finanzielle Sicherheit, Rituale und Feste, Strukturen, Verantwortung, vertragliche Rahmenbedingungen.

Die Ebene der rhythmisch ablaufenden Prozesse

Hier schaut man auf die Vitalität der Kultur, die Gewohnheiten, der Habitus der Menschen, die zeitlich-energetischen Elemente der Arbeit (Pausen, Work-Life-Balance), Arbeitszeiten, Stressphasen, Besprechungen, rhythmisch wiederkehrende Meetings (jour-fixe), Kommunikation untereinander, Informationsfluss, Arbeitsroutinen, Wachstum und Entwicklung, Mitarbeiterförderung, Trainings, Schulungen, Onboardings, gemeinsames Lernen.

Die Seelische Ebene 

Die seelische Ebene umfasst Empfindungen, Gefühle, Sympathie, Antipathie, soziale Motivation, alles was sich Zwischenmenschlich so abspielt, das Betriebsklima, Kommunikation und Umgang miteinander, der Tonfall, gegenseitige Wertschätzung, Empathie, Respekt, Begeisterung für die Arbeit, emotionale Bildung an das Team. Dann die Lernkultur, die Feedback-Kultur, die psychologische Sicherheit im Team, der Umgang mit Ängsten und Fehlern, der Grad an Vertrauen, der Umgang mit Konflikten, die Konfliktfähigkeit – wie mit Spannungen, Reibungen, Frust, umgegangen wird, die Vielfältigkeit der Teammitglieder, die Inklusion von Andersartigkeit.

Die Ich-Ebene

Der Ich-Ebene lassen sich Themen wie Geist, Bewusstsein, Identität und Sinn zuordnen. Diese Ebene umfasst den Sinn des Ganzen, den Sinn und das Warum einer Unternehmenskultur, die Werte und Normen die uns in der Zusammenarbeit leiten (zum Beispiel menschliche Wärme, oder Entwicklung, Wachstum als Wert), der Führungsstil und die Entscheidungsfindung (wie werden bei uns Entscheidungen gefällt – von oben nach unten, oder auf Augenhöhe – miteinander?), Verantwortungsübernahme, Vorbildfunktion, Innovationsbereitschaft und Agilität, die geistige Flexibilität und das Vorstellungsvermögen die Zukunft zu denken, aber auch die bewusste Entscheidung mit Gewohnheiten zu brechen und sich neue Gewohnheiten anzueignen, das authentische, bewusste Selbstverständnis, die Identität, mit der die Kultur der Zusammenarbeit nach Innen und Aussen gelebt und kommuniziert wird (Employer-Branding).

Zusammenfassende Betrachtung

Für eine gesunde Unternehmenskultur müssen – genau wie beim Menschen – alle vier Ebenen berücksichtig werden. Eine starke Vision auf der Ich-Ebene nützt wenig, wenn die seelische Ebene von Konflikten geprägt ist, wenn die Prozesse chaotisch sind oder die physische Ebene (z. B. Gehalt und Arbeitsplatz) die Grundbedürfnisse nicht erfüllt. Es braucht also:

  • Ein klares Warum (Ich-Ebene).
  • Eine sichere physische Grundlage.
  • Gesunde Abläufe und Prozesse.
  • Ein angenehmes, Freude bereitendes emotionales Klima.
  • Regelmäßige Reflexion und Integration – die Ich-Ebene, die in allen vier Bereichen führt.

Vielen Dank, dass Sie diesen Blog verfolgen und Teil dieser gemeinsamen Suche nach besseren Wegen des Miteinanders sind!

Herzliche Grüße

Alexander Schwedeler

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